Der Taupunkt: die unsichtbare Grenze zwischen trocken und nass
Beschlagene Fensterscheiben am Morgen, ein dunkler Fleck in der Zimmerecke, eine kalte Flasche, die im Sommer sofort „schwitzt“ — hinter all dem steckt dasselbe physikalische Prinzip: der Taupunkt. Wer ihn versteht, kann Schimmel an Wänden erklären, gezielter lüften und einschätzen, ob die eigene Wohnung ein Feuchteproblem hat. Dieser Ratgeber zeigt, was der Taupunkt ist, wie Sie ihn berechnen und warum für Schimmel schon Temperaturen deutlich oberhalb des Taupunkts gefährlich werden.
Alle Zahlen in diesem Artikel können Sie im Taupunkt-Rechner mit Ihren eigenen Werten nachvollziehen — inklusive Schimmelrisiko-Ampel für Ihre Außenwand und Lüftungs-Check.
Was ist der Taupunkt?
Luft enthält immer eine gewisse Menge Wasserdampf. Wie viel sie maximal aufnehmen kann, hängt stark von der Temperatur ab: Warme Luft kann deutlich mehr Wasser tragen als kalte. Kühlt feuchte Luft ab, bleibt die Wassermenge zunächst gleich, aber die Luft kommt ihrer Sättigungsgrenze immer näher. Die Temperatur, bei der diese Grenze erreicht ist, heißt Taupunkt oder Taupunkttemperatur. Kühlt die Luft noch weiter ab — etwa an einer kalten Glasscheibe —, kondensiert das überschüssige Wasser und wird als Tauwasser sichtbar.
Der Taupunkt ist damit eine Eigenschaft der Luft selbst, nicht der Oberfläche. Er sagt: Jede Oberfläche, die kälter ist als dieser Wert, wird nass. Bei typischer Raumluft mit 20 °C und 50 % relativer Luftfeuchte liegt der Taupunkt bei rund 9,3 °C. Eine Wand, ein Fensterrahmen oder eine Wasserleitung, die kälter ist, beschlägt.
Relative und absolute Luftfeuchte
Um den Taupunkt zu verstehen, muss man zwei Begriffe auseinanderhalten. Die absolute Luftfeuchte gibt an, wie viel Wasserdampf tatsächlich in einem Kubikmeter Luft steckt, meist in Gramm pro Kubikmeter (g/m³). Die relative Luftfeuchte setzt diese Menge ins Verhältnis zur maximal möglichen Menge bei der aktuellen Temperatur. 50 % bedeutet also: Die Luft ist zur Hälfte gesättigt.
Wie stark die maximal mögliche Menge von der Temperatur abhängt, zeigen einige gerundete Werte: Bei 0 °C kann ein Kubikmeter Luft etwa 4,8 g Wasser aufnehmen, bei 10 °C rund 9,4 g, bei 15 °C etwa 12,8 g, bei 20 °C rund 17,2 g und bei 25 °C schon etwa 23,0 g. Raumluft mit 20 °C und 50 % enthält demnach rund 8,6 g/m³. Kühlt diese Luft ab, steigt ihre relative Feuchte — bei etwa 9,3 °C sind die 8,6 g genau die Sättigungsmenge. Das ist der Taupunkt.
Genau deshalb ist die relative Luftfeuchte allein oft irreführend. Dieselbe Luft kann im warmen Wohnzimmer angenehm trocken wirken und an der kalten Außenwand im Schlafzimmer nahezu gesättigt sein.
Die Formel: Taupunkt mit der Magnus-Formel berechnen
Für Temperaturen im Alltagsbereich wird der Sättigungsdampfdruck meist mit der sogenannten Magnus-Formel berechnet. Gebräuchlich sind die Koeffizienten nach Sonntag (1990), die auch der Leitfaden der Weltorganisation für Meteorologie (WMO-No. 8) und der Deutsche Wetterdienst verwenden. Sie gelten über Wasser etwa im Bereich von −45 bis +60 °C:
E(T) = 6,112 hPa · exp(17,62 · T / (243,12 + T))
Dabei ist E der Sättigungsdampfdruck in Hektopascal und T die Lufttemperatur in °C. Der tatsächliche Dampfdruck ergibt sich, indem Sie E mit der relativen Luftfeuchte multiplizieren: e = rF/100 · E(T). Für den Taupunkt stellen Sie die Formel nach der Temperatur um:
γ = ln(rF/100) + 17,62 · T / (243,12 + T)
Taupunkt = 243,12 · γ / (17,62 − γ)
Rechenbeispiel
1. Raumluft: T = 20 °C, rF = 50 %.
2. 17,62 · 20 / 263,12 = 1,3393; ln(0,5) = −0,6931; also γ = 0,6462.
3. Taupunkt = 243,12 · 0,6462 / (17,62 − 0,6462) ≈ 9,3 °C.
Bei 60 % relativer Luftfeuchte ergibt dieselbe Rechnung rund 12,0 °C. Zehn Prozentpunkte mehr Feuchte heben den Taupunkt also um fast drei Grad — ein Grund, warum schon kleine Veränderungen im Alltag spürbar werden.
Die absolute Luftfeuchte folgt aus dem Dampfdruck über die Gasgleichung für Wasserdampf: ρ = e / (Rv · T) mit Rv = 461,5 J/(kg·K) und T in Kelvin. Für 20 °C und 50 % ergibt das die genannten rund 8,6 g/m³.
Taupunkt-Tabelle für Wohnräume
Die folgenden Werte sind mit der Magnus-Formel berechnet und auf eine Nachkommastelle gerundet:
16 °C Raumtemperatur: 40 % → 2,4 °C · 50 % → 5,6 °C · 60 % → 8,2 °C · 70 % → 10,5 °C
18 °C Raumtemperatur: 40 % → 4,2 °C · 50 % → 7,4 °C · 60 % → 10,1 °C · 70 % → 12,4 °C
20 °C Raumtemperatur: 40 % → 6,0 °C · 50 % → 9,3 °C · 60 % → 12,0 °C · 70 % → 14,4 °C
22 °C Raumtemperatur: 40 % → 7,8 °C · 50 % → 11,1 °C · 60 % → 13,9 °C · 70 % → 16,3 °C
24 °C Raumtemperatur: 40 % → 9,6 °C · 50 % → 12,9 °C · 60 % → 15,7 °C · 70 % → 18,2 °C
Warum Schimmel schon vor dem Taupunkt entsteht
Ein verbreiteter Irrtum lautet: Solange die Wand wärmer ist als der Taupunkt, kann nichts passieren. Tatsächlich brauchen Schimmelpilze kein flüssiges Wasser. Ihnen genügt eine dauerhaft hohe Feuchte direkt an der Oberfläche, weil Tapete, Putz und Staub diese Feuchte aufnehmen. Die Norm für den Mindestwärmeschutz, DIN 4108-2, legt deshalb als Kriterium fest, dass die relative Luftfeuchte an der Bauteiloberfläche unter 80 % bleiben soll.
Für Raumluft mit 20 °C und 50 % wird diese 80-%-Grenze erreicht, sobald die Oberfläche kälter als etwa 12,6 °C ist — also mehr als drei Grad über dem Taupunkt. Bei 60 % Raumluftfeuchte liegt die schimmelkritische Oberflächentemperatur schon bei rund 15,5 °C. Die Norm übersetzt das in den Temperaturfaktor fRsi: Bei 20 °C innen und −5 °C außen muss die Innenoberfläche von Wärmebrücken mindestens 70 % des Weges von der Außen- zur Innentemperatur erreichen (fRsi ≥ 0,70), was einer Oberflächentemperatur von 12,5 °C entspricht.
Mehr zu Ursachen und typischen Schwachstellen lesen Sie im Beitrag Schimmel an Außenwänden.
Wie kalt ist Ihre Wand?
Die Oberflächentemperatur einer Außenwand hängt von der Dämmung ab. Vereinfacht gilt für die ungestörte Wandfläche: θsi = θi − Rsi · U · (θi − θe). Dabei ist U der Wärmedurchgangskoeffizient der Wand und Rsi = 0,25 m²·K/W der innere Wärmeübergangswiderstand, den die Norm für den Schimmelnachweis ansetzt.
Zwei Beispiele bei 20 °C innen und −5 °C außen: Eine ungedämmte Altbauwand mit U = 1,4 W/(m²·K) erreicht innen nur etwa 11,3 °C — unter der 80-%-Grenze bei 50 % Luftfeuchte. Eine gut gedämmte Wand mit U = 0,24 W/(m²·K) kommt auf rund 18,5 °C und ist unkritisch. In Raumecken, an Fensterlaibungen oder hinter Schränken ist es allerdings oft mehrere Grad kälter als auf der freien Fläche. Wer es genau wissen will, misst die kälteste Stelle mit einem Infrarot-Thermometer.
Lüften: Absolute Feuchte entscheidet
Beim Lüften wird feuchte Raumluft gegen Außenluft getauscht. Ob das die Wohnung trocknet, entscheidet nicht die relative, sondern die absolute Feuchte. Im Winter ist das fast immer der Fall: Außenluft mit 0 °C und 85 % enthält nur rund 4,1 g/m³. Im Raum auf 20 °C erwärmt, hat sie eine relative Feuchte von lediglich etwa 22 %. Im Sommer kann warme, feuchte Außenluft dagegen in kühlen Kellern Feuchte absetzen.
Wie Sie im Winter wirksam lüften, ohne Energie zu verschwenden, erklärt der Beitrag Richtig lüften im Winter.
Welche Luftfeuchte ist empfehlenswert?
Das Umweltbundesamt empfiehlt für Wohnräume eine relative Luftfeuchte zwischen 40 und 60 %. Ein einfaches Hygrometer genügt, um den Wert im Blick zu behalten. Liegt Ihre Luftfeuchte dauerhaft höher oder sind Ihre Außenwände schlecht gedämmt, lohnt der Blick in den Rechner: Er zeigt, bis zu welcher Raumluftfeuchte Ihre Wand unter der 80-%-Grenze bleibt. Für das Schlafzimmer gibt es eigene Besonderheiten, die der Beitrag Ideale Luftfeuchtigkeit im Schlafzimmer behandelt.
Was tun bei zu hoher Feuchte oder kalten Wänden?
Es gibt zwei Stellschrauben: die Feuchte der Raumluft senken oder die Oberflächen wärmer machen. Kurzfristig helfen regelmäßiges Stoßlüften, gleichmäßiges Heizen aller Räume und Abstand zwischen Möbeln und Außenwänden. Langfristig verbessert eine Dämmung der Außenwand die Oberflächentemperatur dauerhaft. Was eine solche Sanierung kostet, können Sie mit dem Renovierungskosten-Rechner grob abschätzen; wer ohnehin über die Heizung nachdenkt, findet im Wärmepumpen-Rechner einen Einstieg.
Grenzen der Berechnung
Der Taupunkt selbst lässt sich sehr genau berechnen. Die Oberflächentemperatur aus dem U-Wert ist dagegen eine vereinfachte, stationäre Schätzung: Sie berücksichtigt keine Wärmebrücken, keine Möbel vor der Wand und keine schwankenden Temperaturen. Die Berechnung ersetzt keine Begutachtung. Sichtbarer Schimmel sollte fachgerecht beseitigt und die Ursache geklärt werden — laut Umweltbundesamt kann ein starker Befall die Gesundheit beeinträchtigen, etwa durch ein erhöhtes Risiko für Atemwegsbeschwerden.
