Warum Schimmel fast immer an Außenwänden wächst
Schimmel in Wohnungen zeigt sich selten an Innenwänden. Typische Stellen sind Außenwände, besonders Raumecken, Fensterlaibungen, der Übergang zur Decke und die Flächen hinter Schränken. Der Grund ist die Oberflächentemperatur: Außenwände sind innen kälter als die Raumluft. An kalten Oberflächen steigt die relative Luftfeuchte, obwohl sich an der Wassermenge der Luft nichts ändert.
Das 80-%-Kriterium
Schimmelpilze brauchen kein tropfendes Wasser. Es genügt, wenn die Oberfläche über mehrere Tage sehr feucht ist. Die Norm für den Mindestwärmeschutz, DIN 4108-2, setzt deshalb als Kriterium eine relative Feuchte von 80 % an der Bauteiloberfläche an. Bei Raumluft mit 20 °C und 50 % wird diese Grenze erreicht, wenn die Wand kälter als etwa 12,6 °C ist. Tauwasser bildet sich erst beim Taupunkt von rund 9,3 °C — Schimmel kann also deutlich früher auftreten als sichtbare Nässe.
Steigt die Raumluftfeuchte auf 60 %, verschiebt sich die kritische Oberflächentemperatur auf rund 15,5 °C. Eine Wand, die bei 50 % unkritisch ist, kann bei 60 % bereits schimmeln.
Der Temperaturfaktor fRsi
Damit Bauteile unabhängig vom aktuellen Wetter bewertet werden können, arbeitet die Norm mit dem Temperaturfaktor fRsi = (θsi − θe) / (θi − θe). Er beschreibt, wie nah die innere Oberflächentemperatur θsi an der Raumtemperatur θi liegt — gemessen am Abstand zur Außentemperatur θe. Ein fRsi von 1 bedeutet: Die Wand ist so warm wie die Raumluft. Ein fRsi von 0 bedeutet: Sie ist so kalt wie draußen.
DIN 4108-2 fordert an Wärmebrücken einen Temperaturfaktor von mindestens 0,70. Bei den Normbedingungen von 20 °C und 50 % innen sowie −5 °C außen entspricht das einer Oberflächentemperatur von rund 12,5 °C, passend zur schimmelkritischen Temperatur von 12,6 °C.
Wie kalt ist eine Außenwand?
Für die ungestörte Wandfläche lässt sich die Oberflächentemperatur aus dem U-Wert abschätzen: fRsi = 1 − U · Rsi mit Rsi = 0,25 m²·K/W. Daraus folgen einige Richtwerte bei 20 °C innen und −5 °C außen:
Ungedämmte Altbauwand, U ≈ 1,4 W/(m²·K): fRsi ≈ 0,65, Oberfläche rund 11,3 °C — unter der 80-%-Grenze bei 50 % Luftfeuchte.
Ältere Wand, U ≈ 1,2 W/(m²·K): fRsi = 0,70, Oberfläche rund 12,5 °C — genau an der Grenze.
Gut gedämmte Wand, U ≈ 0,24 W/(m²·K): fRsi ≈ 0,94, Oberfläche rund 18,5 °C — unkritisch.
Diese Werte gelten nur für die freie Fläche. In Außenecken trifft wenig warme Innenfläche auf viel kalte Außenfläche; dort ist es oft mehrere Grad kälter. Auch Rollladenkästen, Deckenauflager und Heizkörpernischen sind typische Wärmebrücken.
Möbel an der Außenwand
Ein Schrank direkt an der Außenwand wirkt wie eine Dämmschicht auf der falschen Seite: Er hält die warme Raumluft von der Wand fern, die Wandoberfläche dahinter kühlt ab, während feuchte Luft trotzdem hineingelangt. Ein Abstand von einigen Zentimetern, damit Luft zirkulieren kann, senkt das Risiko deutlich. Große Möbel stellen Sie wenn möglich an Innenwände.
Was hilft wirklich?
1. Luftfeuchte senken: regelmäßig stoßlüften, besonders nach Duschen, Kochen und morgens im Schlafzimmer. Hinweise dazu im Beitrag Richtig lüften im Winter.
2. Alle Räume ausreichend heizen: Kühle Räume haben kältere Wände. Laut Umweltbundesamt sollte die Temperatur in Schlafräumen möglichst nicht unter 16 °C sinken.
3. Möbel mit Abstand zur Außenwand aufstellen und Heizkörper nicht zustellen.
4. Langfristig die Oberflächentemperatur erhöhen: Eine Dämmung der Außenwand oder die Sanierung von Wärmebrücken wirkt dauerhaft. Die Kosten lassen sich mit dem Renovierungskosten-Rechner grob überschlagen.
Ihre Wand prüfen
Im Taupunkt-Rechner geben Sie Raumklima, Außentemperatur und den U-Wert Ihrer Wand ein — oder eine selbst gemessene Oberflächentemperatur. Die Schimmelrisiko-Ampel zeigt, ob die Oberflächenfeuchte unter 70 %, zwischen 70 und 80 % oder darüber liegt, und nennt die maximale Raumluftfeuchte, bei der Ihre Wand unter der 80-%-Grenze bleibt.
Sichtbaren Schimmel sollten Sie nicht einfach überstreichen. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass Schimmelpilze die Gesundheit beeinträchtigen können, wenn Sporen in großer Zahl eingeatmet werden. Bei größeren Flächen oder wiederkehrendem Befall ist fachliche Unterstützung ratsam.
