Knapp über der Minijob-Grenze: Lohnt sich der Midijob?
Wichtig vorab: Seit Januar 2026 liegt die Minijob-Grenze bei 603 EUR. Wer 600 EUR verdient, ist 2026 also noch im Minijob. Die eigentliche Frage lautet deshalb: Wer bisher einen Minijob mit 603 EUR hat und nun 700 EUR verdienen könnte — lohnt sich der Übergang in den Midijob? Die Antwort ist fast immer: Ja. Denn bei 700 EUR brutto im Midijob fallen nur geringe Sozialabgaben an, während man volle Sozialversicherungsansprüche erhält.
Das Rechenbeispiel im Detail
Bei 700 EUR brutto im Midijob (Steuerklasse I, 30 Jahre, keine Kinder, Zusatzbeitrag 2,9%): Die Sozialabgaben des Arbeitnehmers betragen 2026 etwa 32 EUR. Lohnsteuer fällt bei Steuerklasse I bei diesem Betrag nicht an (der Grundfreibetrag liegt bei 12.348 EUR jährlich, das Jahresbrutto bei 8.400 EUR). Das Netto liegt somit bei etwa 668 EUR.
Vergleich mit dem Minijob (603 EUR, von der Rentenversicherung befreit): 603 EUR brutto = 603 EUR netto. Die Netto-Differenz beträgt also: Man bekommt rund 65 EUR mehr netto im Midijob als im Minijob — plus volle Sozialversicherung. Selbst knapp über der Grenze (z.B. 610 EUR) fallen nur etwa 2 bis 5 EUR Sozialabgaben an, während man im Gegenzug Krankengeld-, ALG- und Rentenansprüche erhält.
Die versteckten Vorteile des Midijobs bei 700 EUR
Krankengeld ist ein enormer Vorteil: Wer im Minijob länger als 6 Wochen krank wird, erhält kein Krankengeld von der Krankenkasse. Im Midijob gibt es nach der 6-wöchigen Lohnfortzahlung des Arbeitgebers Krankengeld von der GKV — das sind 70% des Bruttoverdienstes, höchstens 90% des Nettos. Bei einem Monatsgehalt von 700 EUR wären das etwa 490 EUR monatlich (vor Abzug der Sozialbeiträge auf das Krankengeld). Im Minijob: null.
Arbeitslosengeldanspruch ist der zweite Vorteil: Wer aus einem Midijob arbeitslos wird, hat (bei ausreichender Vorbeschäftigung) Anspruch auf Arbeitslosengeld I. Im Minijob besteht dieser Anspruch nicht, da keine Beiträge zur Arbeitslosenversicherung geleistet werden. Das ALG I beträgt 60-67% des Nettogehalts und wird für bis zu 12 Monate gezahlt.
Rentenansprüche: Der langfristige Gewinn
Bei 700 EUR brutto monatlich erhält man im Midijob vollwertige Rentenpunkte auf Basis des Bruttogehalts. Pro Jahr sind das rund 0,1617 Rentenpunkte (vorläufiges Durchschnittsentgelt 2026: 51.944 EUR), was beim Rentenwert von 42,52 EUR einer monatlichen Rentenanwartschaft von etwa 6,88 EUR pro Arbeitsjahr entspricht. Über 10 Arbeitsjahre sammelt man so rund 69 EUR monatliche Rente an. Im Minijob mit Befreiung von der Rentenversicherung: null Rente.
Wann lohnt sich der Minijob trotzdem?
Es gibt wenige Situationen, in denen der Minijob bei gleichem oder ähnlichem Verdienst vorteilhafter ist. Dazu gehören: Wenn man bereits über den Ehepartner familienversichert ist und kein eigenes Einkommen für die Sozialversicherung benötigt. Wenn man nur vorübergehend arbeitet (wenige Monate) und die Sozialversicherungsansprüche ohnehin nicht relevant sind. Wenn der Minijob neben einem voll sozialversicherungspflichtigen Hauptjob ausgeubt wird — dann ist der Minijob steuer- und SV-frei, während ein Midijob als Zweitjob voll verbeitragt und mit Steuerklasse VI besteuert würde.
Die Zone knapp über der Grenze: 603,01 bis 700 EUR
Der Bereich direkt über der Minijob-Grenze ist besonders attraktiv. Die Sozialabgaben steigen gleitend, sind aber im unteren Bereich minimal. Bei 610 EUR brutto betragen die Arbeitnehmer-Sozialabgaben 2026 etwa 2-5 EUR, bei 650 EUR etwa 14-17 EUR, bei 700 EUR etwa 29-32 EUR (je nachdem, ob der Kinderlosenzuschlag anfällt). Der Netto-Vorteil gegenüber dem Minijob (603 EUR) wächst also schneller als die Abzüge. Und die vollständige soziale Absicherung gilt ab dem ersten Euro über der Grenze.
Typische Szenarien aus der Praxis
Szenario 1 — Studentin: Eine Studentin verdient bisher 603 EUR im Minijob. Ihr Arbeitgeber bietet ihr 800 EUR. Empfehlung: Annehmen. Die Sozialabgaben betragen im Übergangsbereich nur rund 60 EUR, sie bekommt also etwa 740 EUR netto statt 603 EUR. Zudem erwirbt sie Rentenansprüche und ist bei längerer Krankheit abgesichert. (Für Werkstudenten gelten in der Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung Sonderregeln.)
Szenario 2 — Rentnerin: Eine Rentnerin arbeitet im Supermarkt und verdient 603 EUR. Eine Stundenaufstockung würde 700 EUR bringen. Empfehlung: Abwägen. Wenn sie bereits eine ausreichende Rente bezieht, ist der Krankengeldanspruch weniger relevant. Die zusätzlichen Rentenpunkte sind aber auch im Alter noch wertvoll, da sie die laufende Rente erhöhen.
Szenario 3 — Arbeitnehmer mit Hauptjob: Ein Angestellter mit 3.500 EUR Hauptgehalt möchte einen Nebenjob aufnehmen. Empfehlung: Ein Minijob bis 603 EUR ist hier die bessere Wahl, da er steuerfrei und (bei Befreiung von der Rentenversicherung) abgabenfrei ist. Ein Midijob als Zweitjob wäre voll sozialversicherungspflichtig und wird mit Steuerklasse VI besteuert.
Fazit: 700 EUR im Midijob schlagen 603 EUR im Minijob
Für die meisten Beschäftigten ohne Hauptjob ist der Midijob schon knapp über der Minijob-Grenze von 603 EUR die klar bessere Wahl. Die Netto-Differenz ist positiv (mehr Geld auf dem Konto), und die soziale Absicherung ist ungleich besser. Nur in speziellen Konstellationen (Familienversicherung, Zweitjob neben Hauptjob) kann der Minijob vorteilhafter sein. Nutze unseren Rechner, um dein persönliches Ergebnis zu berechnen.
