Die bekannteste Zahl der Ruhestandsplanung
Kaum eine Faustregel wird in Foren, Büchern und Artikeln zur finanziellen Freiheit so oft zitiert wie die 4-Prozent-Regel. Sie verspricht eine einfache Antwort auf eine schwierige Frage: Wie viel darf ich jedes Jahr aus meinem Depot entnehmen, ohne dass das Geld ausgeht? Ihre Antwort: 4 % des Startkapitals im ersten Jahr, danach jährlich um die Inflation erhöht. Doch woher kommt die Zahl, und wie gut passt sie für Anlegerinnen und Anleger in Deutschland?
Der Ursprung: US-Studien aus den 1990er-Jahren
Die Regel geht auf den US-Finanzplaner William Bengen zurück, der 1994 historische Daten des US-Aktien- und Anleihemarkts ab 1926 auswertete. Er simulierte für jeden möglichen Startzeitpunkt, wie lange ein Depot mit einer Mischung aus US-Aktien und US-Staatsanleihen bei verschiedenen Entnahmeraten gereicht hätte. Ergebnis: Mit einer inflationsangepassten Anfangsentnahme von gut 4 % wäre das Geld in keinem der untersuchten Zeiträume vor Ablauf von 30 Jahren aufgebraucht gewesen.
1998 bestätigten drei Professoren der Trinity University in Texas das Ergebnis mit einer ähnlichen Methode. Seitdem ist von der „Trinity-Studie“ die Rede, und die 4 % wurden zur Faustregel.
Was die Regel konkret bedeutet
- Entnahme: Aus 500.000 € dürfen Sie im ersten Jahr 20.000 € entnehmen, also rund 1.667 € im Monat.
- Inflation: Steigen die Preise um 2 %, entnehmen Sie im zweiten Jahr 20.400 €, im dritten 20.808 € und so weiter – unabhängig von der Entwicklung des Depots.
- Kapitalbedarf: Umgekehrt gerechnet brauchen Sie das 25-Fache Ihrer Jahresentnahme. Wer 24.000 € im Jahr benötigt, braucht 600.000 €.
Was die Regel nicht aussagt
So einfach die Regel ist, so wichtig sind ihre Grenzen:
- Sie gilt für 30 Jahre. Wer mit 45 aussteigt, braucht womöglich 45 oder 50 Jahre. Für längere Zeiträume ergaben spätere Auswertungen eher Raten zwischen 3 und 3,5 %.
- Sie beruht auf US-Daten. Der US-Aktienmarkt war im 20. Jahrhundert einer der erfolgreichsten der Welt. Studien mit Daten anderer Länder kommen oft zu niedrigeren sicheren Entnahmeraten.
- Sie ignoriert Kosten. Die Simulationen rechnen mit Marktrenditen. Fonds- und Depotkosten von 0,2 bis 1 % pro Jahr senken die tragfähige Rate spürbar.
- Sie ignoriert deutsche Steuern. Abgeltungsteuer, Soli und gegebenenfalls Kirchensteuer auf den Gewinnanteil der Entnahmen sind nicht enthalten.
- Sie ist keine Garantie. Sie beschreibt, was in der Vergangenheit funktioniert hätte. Die Zukunft kann schlechter verlaufen.
Rechnen statt Faustregel
Die 4-Prozent-Regel beschreibt den ungünstigsten historischen Fall. In vielen Zeiträumen wäre am Ende sogar mehr Geld übrig gewesen als zu Beginn. Unser Entnahmeplan-Rechner arbeitet deshalb anders: Sie geben eine erwartete Durchschnittsrendite, die Inflation und Ihre Steuersituation ein und sehen, wie lange Ihr Kapital reicht. Die 4-Prozent-Regel zeigt der Rechner zusätzlich als Vergleichswert an.
Ein Beispiel: 500.000 € Kapital, 2.000 € Entnahme im Monat, 5 % Rendite nach Kosten, 2 % Inflation. Das entspricht einer Anfangsentnahme von 4,8 %. Ohne Steuern reicht das Geld im Modell gut 32 Jahre. Mit einer Anfangsentnahme von genau 4 % (rund 1.667 €) wären es bei denselben Annahmen über 45 Jahre. Mit einer vorsichtigeren Rendite von 3 % schrumpft die Laufzeit bei 2.000 € dagegen auf gut 23 Jahre – probieren Sie es aus.
Flexible Entnahme als Ergänzung
In der Praxis halten sich nur wenige Menschen stur an eine Regel. Wer in schlechten Börsenjahren etwas weniger entnimmt und in guten Jahren etwas mehr, verbessert die Haltbarkeit seines Depots erheblich. Auch eine Liquiditätsreserve für zwei bis drei Jahre hilft, weil Sie dann im Crash keine Anteile zu Tiefstkursen verkaufen müssen. Mehr dazu im Beitrag Inflation und Rendite-Reihenfolge.
Fazit
Die 4-Prozent-Regel ist ein nützlicher erster Anhaltspunkt: Sie brauchen etwa das 25-Fache Ihrer jährlichen Entnahme. Für eine belastbare Planung in Deutschland sollten Sie aber Kosten, Steuern, Ihre tatsächliche Laufzeit und eine vorsichtige Rendite einbeziehen. Genau dafür ist der Entnahmeplan-Rechner gedacht. Wie Sie Ihre persönliche Zielsumme für die finanzielle Freiheit ermitteln, lesen Sie im Beitrag Finanzielle Freiheit berechnen. Keine Anlageberatung; Stand: 24. September 2026.
