Rentenlücke berechnen und schließen
Die Rentenlücke ist die Differenz zwischen dem Geld, das Sie heute netto zur Verfügung haben, und dem, was nach dem Erwerbsleben monatlich übrig bleibt. Sie ist bei den meisten Menschen vierstellig, und sie wird regelmäßig unterschätzt, weil zwei Fehler zusammenkommen: Man vergleicht brutto mit brutto und vergisst die Inflation.
Der richtige Vergleichsmaßstab
Vergleichen Sie immer netto mit netto. Von Ihrem Gehalt gehen Steuern und alle Sozialversicherungsbeiträge ab; von der Rente gehen Kranken- und Pflegeversicherung sowie Steuer ab, aber keine Renten- und Arbeitslosenversicherung mehr. Die Abzugsquoten unterscheiden sich also deutlich, und ein Bruttovergleich führt systematisch in die Irre.
Ein Beispiel: Wer 48.000 € brutto im Jahr verdient, also 4.000 € im Monat, hat in Steuerklasse I netto rund 2.550 € zur Verfügung. Nach 45 Beitragsjahren bei diesem Gehalt kommen 41,58 Entgeltpunkte zusammen, was einer Bruttorente von 1.768 € entspricht. Nach Abzug von 8,75 Prozent Krankenversicherung, 3,6 Prozent Pflegeversicherung und der Steuer bleiben davon rund 1.512 € netto.
Die Lücke beträgt in diesem Fall rund 1.038 € im Monat, die Ersatzquote liegt bei rund 59 Prozent. Wer seine eigenen Zahlen einsetzen will, findet beide Werte direkt im Rentenrechner; das heutige Nettoeinkommen wird dort mit derselben Engine gerechnet wie im Brutto-Netto-Rechner.
Der zweite Fehler: die Inflation
1.512 € netto klingen in heutigen Preisen erträglich. Wenn der Rentenbeginn aber 27 Jahre in der Zukunft liegt, sind diese 1.512 € bei 2 Prozent Inflation nur noch etwa 886 € in heutiger Kaufkraft wert; bei 3 Prozent Inflation wären es sogar nur 681 €. Renten werden zwar jährlich angepasst und folgen dabei im Wesentlichen der Lohnentwicklung — genau deshalb ist es sauberer, die ganze Rechnung in heutigem Geld zu führen und die nominalen Zuwächse gar nicht erst einzurechnen. Der Rechner zeigt beide Größen nebeneinander, und die Differenz ist bei langen Zeiträumen größer, als die meisten erwarten.
Wie groß ist die Lücke wirklich?
Als Orientierung wird häufig genannt, dass im Alter etwa 80 Prozent des letzten Nettoeinkommens nötig sind, um den Lebensstandard zu halten. Einiges fällt weg — Fahrtkosten, Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, Ausgaben für die Kinder, oft auch die Kreditrate für die Immobilie. Anderes kommt hinzu, vor allem Gesundheits- und später Pflegekosten.
Rechnen Sie also mit 80 Prozent des heutigen Nettos als Zielgröße. Im Beispiel oben wären das 2.040 €. Bei einer Nettorente von 1.512 € bleibt eine zu schließende Lücke von 528 € im Monat — deutlich weniger als die reine Differenz von 1.038 €, aber immer noch ein Betrag, der über zwanzig oder mehr Rentenjahre eine sechsstellige Summe ergibt.
Was das Schließen kostet
Um 528 € monatlich über 25 Rentenjahre zu entnehmen, brauchen Sie bei einer realen Rendite von 3 Prozent ein Kapital von rund 110.000 €. Wollen Sie die volle Lücke von 1.038 € schließen, sind es etwa 217.000 €. Diese Zahlen wirken erschreckend — bis man sie in eine monatliche Sparrate umrechnet.
Bei 27 Jahren Ansparzeit und einer angenommenen Rendite von 5 Prozent im Jahr genügen rund 160 € im Monat für die 110.000 € und rund 320 € für die 217.000 €. Wer erst mit 50 anfängt und nur noch 17 Jahre hat, muss für dasselbe Ziel schon etwa 350 beziehungsweise 690 € im Monat aufbringen. Die Zeit ist der mit Abstand wichtigste Faktor — deutlich wichtiger als die Wahl des Produkts. Durchrechnen können Sie das im ETF-Sparplan-Rechner.
Drei Hebel, die zusätzlich wirken
Erstens der Rentenbeginn: Ein Jahr länger arbeiten bringt 6 Prozent Zuschlag plus einen weiteren Entgeltpunkt — im Beispiel oben zusammen rund 148 € mehr Bruttorente im Monat, ohne dass ein Euro gespart werden muss. Zweitens die Vollständigkeit Ihres Versicherungskontos: Beantragen Sie eine Kontenklärung, denn fehlende Ausbildungs-, Kindererziehungs- oder Pflegezeiten sind häufiger als gedacht, und jede nachgetragene Zeit erhöht die Rente dauerhaft. Drittens die betriebliche Altersvorsorge — Entgeltumwandlung mit Arbeitgeberzuschuss ist in der Ansparphase steuer- und sozialabgabenfrei, in der Auszahlungsphase fallen dafür Steuern und volle Krankenversicherungsbeiträge an.
Der wichtigste Schritt ist am Ende nicht die Auswahl eines Produkts, sondern die Kenntnis der Zahl. Ermitteln Sie im Rentenrechner Ihre voraussichtliche Nettorente, stellen Sie ihr Ihr heutiges Netto gegenüber und schauen Sie sich den Kaufkraftwert an. Wer diese drei Zahlen kennt, trifft in zehn Minuten bessere Entscheidungen als jemand, der jahrelang unspezifisch „irgendwie vorsorgen“ will.
