Die Entnahmephase: Der zweite Akt deines ETF-Vermögensplans
Du hast jahrelang brav gespart und ein beachtliches ETF-Vermögen aufgebaut. Jetzt steht die nächste große Frage an: Wie entnimmst du dein Geld, ohne es zu schnell aufzubrauchen? Die Entnahmephase ist mindestens so wichtig wie die Ansparphase – und deutlich komplexer, weil mehrere Faktoren gleichzeitig zusammenspielen: Rendite, Steuern, Inflation und deine Lebenserwartung.
Teste verschiedene Entnahme-Szenarien mit unserem ETF-Sparplanrechner im Tab "Entnahmephase".
Die 4-Prozent-Regel: Goldener Standard oder veraltet?
Die 4-Prozent-Regel stammt aus der Trinity-Studie (1998) und besagt: Wenn du im ersten Jahr 4 % deines Portfolios entnimmst und diesen Betrag jährlich um die Inflation erhöhst, reicht dein Geld in 95 % der historischen Szenarien mindestens 30 Jahre. Bei 500.000 EUR wären das im ersten Jahr 20.000 EUR, also 1.667 EUR monatlich.
Kritik an der 4-Prozent-Regel: Sie basiert auf US-Daten (60 % US-Aktien, 40 % US-Anleihen), die historisch besser liefen als europäische Märkte. Außerdem stammt sie aus einer Zeit niedrigerer Bewertungen. Für Europa empfehlen viele Experten 3-3,5 %. Die Studie berücksichtigt zudem keine Steuern und Transaktionskosten.
Dynamische Entnahmestrategien
Statt einer festen Rate gibt es flexiblere Ansätze, die auf die Marktlage reagieren: Die Guardrails-Methode (auch Guyton-Klinger) passt die Entnahme an die Portfolioentwicklung an. Fällt das Portfolio um mehr als 20 %, wird die Entnahme um 10 % gekürzt. Steigt es um mehr als 20 %, darf man 10 % mehr entnehmen. So vermeidet man, in Bärenmärkten zu viel zu entnehmen.
Eine weitere Option ist die "Constant Percentage"-Methode: Du entnimmst jedes Jahr einen festen Prozentsatz (z.B. 4 %) des aktuellen Portfoliowerts, nicht des ursprünglichen. Vorteil: Das Portfolio kann nie auf Null fallen. Nachteil: Deine Einnahmen schwanken mit dem Markt, was die Finanzplanung erschwert.
Sequenzrisiko: Warum die ersten Jahre entscheidend sind
Das größte Risiko in der Entnahmephase ist das Sequenzrisiko (Sequence of Returns Risk). Wenn die Märkte in den ersten Jahren nach Renteneintritt stark fallen, leidet dein Portfolio überproportional – weil du gleichzeitig Geld entnimmst und Verluste realisierst. Zwei Portfolios mit gleicher Durchschnittsrendite, aber unterschiedlicher Reihenfolge, können völlig verschiedene Ergebnisse liefern.
Gegenmaßnahmen: Einen Cash-Puffer von 1-2 Jahresentnahmen auf dem Tagesgeld halten. In Krisenzeiten den Puffer statt das ETF-Portfolio nutzen. Die Entnahme in schlechten Jahren reduzieren. Einen "Entnahme-Gleitpfad" planen: Vor dem Ruhestand schrittweise den Aktienanteil reduzieren.
Steuern in der Entnahmephase
Beim Verkauf von ETF-Anteilen fällt Abgeltungssteuer auf die Kursgewinne an. Wichtig: Die Vorabpauschalen, die du während der Ansparphase gezahlt hast, werden bei der Steuerberechnung berücksichtigt – du zahlst also nicht doppelt. Die Teilfreistellung von 30 % (bei Aktienfonds) gilt auch beim Verkauf.
Ein Steuertrick: FIFO (First In, First Out). Die zuerst gekauften Anteile werden zuerst verkauft – und haben meist die höchsten Kursgewinne. Wenn du verschiedene ETF-Depots führst, kannst du steuerlich optimieren, indem du zuerst aus dem Depot mit den geringsten Gewinnen verkaufst.
Inflation in der Entnahmephase: Der stille Kapitalfresser
1.000 EUR monatliche Entnahme haben bei 2,5 % Inflation nach 20 Jahren nur noch die Kaufkraft von ca. 610 EUR. Deshalb musst du deine Entnahme jährlich um die Inflationsrate erhöhen – was das Kapital schneller aufbraucht. Unser Rechner berücksichtigt diesen Effekt und zeigt dir die reale Kaufkraft deiner Entnahmen über die Zeit.
Der Entnahme-Glidepath: Schrittweise Umschichtung
Ein verbreiteter Ansatz ist der sogenannte Glidepath (Gleitpfad): In den 5-10 Jahren vor dem Ruhestand wird der Aktienanteil schrittweise reduziert und in sichere Anlagen (Anleihen-ETFs, Tagesgeld) umgeschichtet. So sicherst du einen Teil deines Vermögens gegen einen möglichen Crash kurz vor Rentenbeginn ab. Ein typischer Glidepath sieht so aus: Mit 55 Jahren 80 % Aktien und 20 % Anleihen. Mit 60 Jahren 60 % Aktien und 40 % Anleihen. Ab Rentenbeginn 50 % Aktien und 50 % Anleihen. Im Ruhestand dann langsam weiter reduzieren.
Teilentnahme vs. Komplettverkauf
Es gibt zwei grundsätzliche Entnahmeansätze: Bei der Teilentnahme verkaufst du jeden Monat nur die benötigten Anteile. Der Rest bleibt investiert und arbeitet weiter für dich. Das ist steuerlich meist günstiger, weil du die Steuerlast über viele Jahre streckst. Beim Komplettverkauf realisierst du alle Gewinne auf einmal – das kann eine hohe Steuerlast bedeuten. Die Teilentnahme ist für die meisten Anleger die bessere Wahl.
Was tun bei einem Crash kurz vor der Rente?
Dieses Szenario ist der Albtraum jedes Anlegers: Du stehst kurz vor dem Ruhestand, und die Märkte brechen ein. Hier helfen mehrere Strategien: Erstens der Cash-Puffer – wenn du 1-2 Jahre Lebenshaltungskosten in sicheren Anlagen hast, musst du dein Portfolio nicht zu Tiefstpreisen verkaufen. Zweitens Flexibilität beim Rentenstart: Wenn möglich, verschiebe den Ruhestand um 1-2 Jahre und lass die Märkte sich erholen. Drittens reduzierte Entnahmen: In den ersten Jahren weniger entnehmen und den Gürtel enger schnallen.
Fazit: Plane beide Phasen von Anfang an
Die Entnahmestrategie sollte nicht erst beim Renteneintritt geplant werden, sondern von Anfang an Teil deiner Finanzplanung sein. Definiere dein Zielvermögen anhand deiner gewünschten monatlichen Entnahme, plane einen realistischen Zeitraum (30 Jahre Ruhestand ist keine Seltenheit), und berücksichtige Steuern und Inflation. Ein sinnvoller Rahmen: Berechne zuerst, wie viel du monatlich im Ruhestand brauchst. Ziehe die gesetzliche Rente ab. Die Lücke muss dein ETF-Portfolio schließen. Rechne rückwärts: Wie viel Kapital brauchst du dafür bei einer sicheren Entnahmerate von 3-4 %?
Berechne verschiedene Szenarien mit unserem ETF-Sparplanrechner – du wirst überrascht sein, wie stark kleine Änderungen das Ergebnis beeinflussen.
