Was ist Gefälle und wie wird es gemessen?
Das Gefälle (auch Neigung oder Steigung genannt) beschreibt, wie stark eine Fläche oder eine Leitung gegenüber der Horizontalen geneigt ist. Im Bauwesen ist das Gefälle entscheidend für die Entwässerung von Terrassen, Dächern und Nassbereichen sowie für die korrekte Verlegung von Rohrleitungen.
Im deutschsprachigen Raum wird das Gefälle in der Regel in Prozent angegeben. Es drückt das Verhältnis von Höhendifferenz zu horizontaler Strecke aus. Ein Gefälle von 2 % bedeutet: Auf 100 cm horizontaler Strecke fällt die Fläche um 2 cm. Das klingt wenig, reicht aber völlig aus, damit Regenwasser zuverlässig abfließt.
Neben der Prozentangabe gibt es zwei weitere gängige Darstellungen: die Gradangabe (der tatsächliche Winkel zur Horizontalen) und das Verhältnis (z.B. 1:50). Für kleine Gefälle, wie sie im Hochbau üblich sind, sind Prozent und Grad nahezu identisch: 2 % entsprechen 1,15 Grad.
Gefälle berechnen: Die Formel
Die Grundformel ist denkbar einfach:
Dabei müssen Höhendifferenz und Strecke in der gleichen Einheit angegeben werden. In der Praxis misst man die Strecke häufig in Metern und die Höhendifferenz in Zentimetern, daher lautet die angepasste Formel:
Oder vereinfacht:
Beispiel: Eine Terrasse ist 5 m lang. Am Ende soll sie 10 cm tiefer liegen als am Hausanschluss. Das Gefälle beträgt:
Möchte man umgekehrt die benötigte Höhendifferenz berechnen, stellt man die Formel um:
Bei 2 % Gefälle auf 8 m Strecke: 2 × 8 = 16 cm Höhendifferenz.
Und für die Streckenberechnung bei gegebener Höhe und Gefälle:
Gefälle-Normen nach Anwendung (DIN)
In Deutschland regeln verschiedene DIN-Normen die Mindest- und Höchstgefälle für unterschiedliche Anwendungen. Die Einhaltung dieser Normen ist nicht nur technisch sinnvoll, sondern häufig auch bauordnungsrechtlich vorgeschrieben.
Die Abdichtung von Terrassen und Balkonen ist seit 2017 in der DIN 18531 geregelt (die frühere DIN 18195 enthält heute nur noch Begriffe). Für Terrassen und Balkone gilt ein Gefälle von mindestens 1,5 % als Richtwert. Empfohlen werden 2 % als Idealwert. Bei weniger als 1,5 % kann stehendes Wasser entstehen, das langfristig die Abdichtung schädigt und zu Frostschäden führt.
Die DIN 18534 befasst sich mit der Abdichtung von Innenbereichen und gibt für bodengleiche Duschen ein Gefälle von 1,5 bis 2 % vor. Weniger als 1,5 % führt zu stehendem Wasser auf den Fliesen; mehr als 2 % kann das Stehen in der Dusche unbequem machen.
Die DIN EN 12056 regelt Schwerkraftentwässerungsanlagen innerhalb von Gebäuden. Das Mindestgefälle für Abwasserrohre hängt vom Nenndurchmesser ab: DN50 benötigt 2,5 %, DN100 (der Haushaltstandard) benötigt 1,5 %, DN200 kommt mit 0,5 % aus. Zu wenig Gefälle führt zu Ablagerungen und Verstopfungen; zu viel Gefälle lässt das Wasser zu schnell abfließen, sodass Feststoffe zurückbleiben.
Die DIN 4095 behandelt Dränung zum Schutz baulicher Anlagen und empfiehlt für Drainagerohre ein Gefälle von 0,5 bis 2 %.
Die DIN 18040-1 für barrierefreies Bauen begrenzt die Steigung von Rollstuhlrampen auf maximal 6 %. Im Außenbereich werden häufig maximal 4 % empfohlen. Die maximale Lauflange einer Rampe beträgt 6 m, danach ist ein Zwischenpodest von mindestens 1,50 m Länge erforderlich.
Die DIN 18531 regelt die Abdichtung von Flachdächern und schreibt ein Mindestgefälle von 2 % vor, maximal 5 %.
Terrasse und Balkon: Entwässerungsgefälle richtig planen
Bei der Planung einer Terrasse ist das Gefälle einer der wichtigsten Faktoren. Es muss vom Haus weg geführt werden, damit Regenwasser zuverlässig abfließt. Stehendes Wasser auf der Terrasse führt zu Algenbewuchs, Frostschäden im Winter und langfristig zur Zerstörung des Belags.
Für Betonplatten und Naturstein empfehlen sich 2 % Gefälle. Bei WPC-Dielen oder Holzterrassen auf Unterkonstruktion genügen oft 1,5 %, da das Wasser durch die Fugen abläuft. Bei Kies oder Splitt als Bettung sollte das Gefälle im Unterbau hergestellt werden, nicht erst im Belag.
Praktischer Tipp: Bei einer 4 m tiefen Terrasse mit 2 % Gefälle beträgt die Höhendifferenz nur 8 cm. Das ist mit bloßem Auge kaum sichtbar, reicht aber völlig für die Entwässerung aus. Bei längeren Terrassen (z.B. 8 m) steigt die Höhendifferenz auf 16 cm, was bereits eine merkliche Stufe ergibt.
Wenn die Terrasse an ein Blumenbeet grenzt, sollte am tiefsten Punkt eine Rinne oder ein Kiesbett zur Ableitung des Wassers vorgesehen werden. Ohne Ableitung staut sich das Wasser am Rand und versickert unkontrolliert.
Rohrleitungen: Mindestgefälle nach Durchmesser
Bei der Verlegung von Abwasserrohren ist das richtige Gefälle entscheidend. Zu wenig Gefälle führt dazu, dass Feststoffe im Rohr liegen bleiben und Verstopfungen verursachen. Zu viel Gefälle lässt das Wasser so schnell fließen, dass es die Feststoffe nicht mitnimmt. Es gibt also ein optimales Fenster.
Die gängigsten Rohrdurchmesser im Haushalt sind DN50 (Spüle, Waschbecken), DN75 (Badewanne), DN100 (WC-Anschluss) und DN150 (Sammelleitung). Die Mindestgefälle betragen: DN50: 2,5 %, DN75: 2,0 %, DN100: 1,5 %, DN125: 1,0 %, DN150: 0,8 %, DN200: 0,5 %.
In der Praxis bedeutet das: Ein DN100-Rohr muss auf 1 m Länge mindestens 1,5 cm fallen. Bei einer Leitungslänge von 10 m ergibt sich eine Höhendifferenz von mindestens 15 cm. Das muss bei der Planung von Kellerleitungen und Grundleitungen berücksichtigt werden.
Gussrohre und KG-Rohre (Kanalgrundrohr, orange) werden in der Regel mit einer Länge von 50 cm, 100 cm oder 200 cm geliefert. Die Muffen erhöhen die Länge geringfügig. Bei der Verlegung wird das Gefälle mit Hilfe von Abstandshaltern oder einem vorbereiteten Sandbett hergestellt.
Gefälle messen: Wasserwaage und Richtlatte
Die zuverlässigste Methode, ein Gefälle auf der Baustelle zu messen, ist die Kombination aus Wasserwaage (oder Richtlatte) und einem Maßstab.
So geht es Schritt für Schritt: Lege eine 2 m Wasserwaage auf die Fläche. Hebe das höhere Ende an, bis die Luftblase genau mittig steht (die Wasserwaage ist jetzt waagerecht). Miss den Abstand zwischen dem angehobenen Ende der Wasserwaage und der Fläche in Millimetern.
Dann rechnest du:
Bei 40 mm Abstand auf einer 2 m Wasserwaage:
Umgekehrt kannst du vorab berechnen, wie viel Abstand du brauchst:
Für 2 % auf 2 m:
Moderne digitale Wasserwaagen zeigen das Gefälle direkt in Grad oder Prozent an. Das ist bequemer, aber die klassische Methode mit Richtlatte und Maßstab ist günstiger und auf jeder Baustelle verfügbar.
Eine Schlauchwaage (zwei verbundene Wasserbehälter) ist eine Alternative für große Entfernungen, bei denen eine 2 m Wasserwaage nicht ausreicht. Sie nutzt das Prinzip kommunizierender Röhren: Das Wasser steht in beiden Behältern auf gleicher Höhe, unabhängig von der Entfernung.
